Presseerklärung zu dem Prozesstag am 5.2.2020

Am heutigen Prozesstag wurde noch ein weiterer Zeuge geladen. Herr S., einer der Dolmetscher, die TKÜ (Telekommunikationsprotokolle) übersetzt hatte, auf die sich die Beweislage maßgeblich stützte, sollte befragt werden. Schon in vorherigen Prozesstagen wurden die TKÜ- Protokolle bzw. deren Übersetzungen immer wieder auch von der Verteidigung aufgegriffen. Unter anderem deswegen, da die Protokolle in vielen Fällen nicht, wie behauptet Wort-zu-Wort-Protokolle darstellen, sondern immer wieder Interpretationen und Zusammenfassungen der Dolmetscher*innen enthalten.

Herr S. der verschiedene Telefongespräche übersetzt hatte, sollte am heutigen Tag zu einem Telefongespräch, dass zwischen einer „unbekannten männlichen“ und einer „unbekannten weiblichen Person“ stattfand, aussagen. Im Fokus stand ein Wortwechsel weniger Minuten, in dem die Vokabel „Vorsitzende*r“ fiel und das Interesse der Ermittlungsbehörden geweckt hatte. Da im türkischen der Begriff „ Vorsitzende*r“ nicht geschlechtsspezifisch zuordenbar ist, war dies der Interpretation des Dolmetschers überlassen. Das war im Protokoll auch angemerkt. Der vorsitzende Richter zeigte sich am heutigen Tag überraschend beharrlich hakte noch viel mehr nach, als an anderen Prozesstagen. Dabei wollte er wissen, warum Herr S. denn auf die Schlussfolgerung komme, dass in dem Telefongespräch von einem Mann die Rede sei.

Herr S. äußerte mehrmals, dass es seine persönliche Meinung darstelle, von einem männlichen Vorsitzenden auszugehen. Die Erklärung warum er davon ausgehe, erschien vielen Zuhörer*innen auch nicht schlüssig, stellte seine subjektive Einschätzung da. Seine Interpretation, warum es sich um einen männlichen Vorsitzenden handele: Da zwischen der unbekannten weiblichen Person und dem/ der Vorsitzenden aus dem Telefongespräch ein gutes Verhältnis, eine zwischenmenschliche Beziehung erkennbar sei.

Wodurch der Eifer des vorsitzenden Richters in der heutigen Befragung angeregt war, dass bleibt auch der Interpretation überlassen. Ob es auch davon geleitet war, dass die Aussage des Zeugen S. in diesem Fall entlastend für Yildiz Aktaş war, oder ob der Richter einfach einen guten Tag hatte, können wir nur mutmaßen.

Deutlich wurde am heutigen Tag wieder einmal, mit welcher Willkür diese sogenannte „Beweisaufnahme“ stattfindet. Wie abhängig die Übersetzungen und Interpretationen von dem jeweiligen Blickwinkel des Zuhörenden sind.

Eine Interpretation des Ganzen: sämtliche Beamte und Zeugen, scheinen keinerlei Reflektion über die gesellschaftliche Realität struktureller Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse, wie Rassismus und Patriarchat zu haben. Inwiefern Interpretationen,Mutmaßungen und Bewertungen von solchen beeinflusst sind, dazu gibt es Studien. Stichwort racial profiling. Das Ganze ließe sich fortsetzen.

Ein weiterer signifikant wichtiger Einwand der Anwältin, dass es sich bei dem Gespräch keinesfalls sicher sagen ließe, dass ein Gespräch zwischen Personen stattgefunden hatte, die ein Wissen über die Organisationsstruktur der kurdischen Bewegung habe, blieb im Gerichtssaal unkommentiert stehen. Man könne aus dem Gespräch auch schließen,dass es sich um ein Verwandtschaftsverhältnis oder ähnliches der zwei Personen handele. Es wurde viel gelacht, gescherzt. „ Vorsitzende*r“ könne genauso gut ein scherzhafter Spitzname gewesen sei.

Die Befragung des Zeugen S., er scheint auch ein paar Worte kurdisch zu verstehen, endet dann mit seiner Übersetzung der Parolen „Jin, Jiyan, azadi – Frauen, Leben, Freiheit „ und „ Bijî Serok Apo – Es lebe Apo „ und so immerhin mit einem Kampfspruch.